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Märkischer Bote vom 29.05.2008
Angekommen als Cottbuser
Gerhard Wenzel setzt auf das Prinzip Fairness / Im Norden der Stadt kennt er Spielplätze, Schlaglöcher und Szenekneipen
Von Jürgen Heinrich
Cottbus (h). Es ist nicht 100 Prozent sein Tag heute. Die
Cottbuser SPD trifft sich zur Nominierungskonferenz. Für fünf
Wahlkreise werden Kandidaten platziert. Wer vorn steht, hat Chancen
wirklich Abgeordneter zu werden. Gerhard Wenzel wünscht sich das, aber
er rutscht wohl etwa auf Platz 12 im Wahlkreis I, im Cottbuser Norden
also. Nein, so gesehen ist’s nicht „sein Tag“.
Aber Politik, das weiß er, funktioniert auch anders. Kommunal sowieso.
Erstmal geht’s um seine Partei, die SPD. Die glitt bei der letzten Wahl
hinter Links und CDU ab auf Platz drei. Inzwischen hat die Partei
Zulauf (von unter 200 auf 260 Mitglieder) und ist an den Stadtthemen
gut dran. Gerhard Wenzel hat daran Anteil als Vor- sitzender des
Ortsverbands Nord. Sein „schlechter“ Listenplatz hat mit seiner
Philosophie zu tun: „Ich will mir Politik mit Fairness auf die Fahnen
schreiben.“ Das klingt auch ein bisschen wie Fahnenspruch, aber der
junge Familienvater und Musikfan hat das zur persönlichen Strategie
geformt: „Fairness zwischen Stadtteilen, zwischen den Generationen,
auch zwischen Positionen - das halte ich für wichtig in der Stadt.“
Fairness schließt Ellenbogen und Egomanie aus. Nicht er als
Vorsitzender sondern ein anderer aus Nord bekommt Platz 1. Geht es denn
nicht fair zu in Cottbus? Nein, nicht immer. In Sielow bekommt der
SPD-Mann das zu hören. Die Mittelstraße ist dort eine von den
Katastrophenwegen. Bei Regen überflutet, bei Hitze staubig, Sturzkanten
überall. Die Kinder müssen hier durch zur Schule, Neusiedler fahren
hier oder auf der ebenso fiesen Parallelstraße heim. „Sielow ist nicht
Modellstadt, kein Stadtumbaugebiet, kein Projekt im ländlichen Raum -
alle Fördertöpfe bleiben zu für Sielow“, sagt Anlieger Ralf Ullrich.
Schon seit der Eingemeindung 1993 sind Sielows Straßen riesiges
Ärgernis. „Da fehlt Fairness zwischen Stadtteilen“ findet Gerhard
Wenzel. Und Ullrich stimmt zu: „Ich bekomme Frust, wenn ich hier den
Dreck sehe und an den noblen Schmellwitzer Brunnenplatz denke, an dem
nicht mal mehr Häuser stehen.“
Das Beispiel läßt ahnen, wie schwierig faire Stadtpolitik sein kann.
Wenzel will sich daran versuchen. Wenn er genug Stimmen auf seinen
Namen bekommt, kann er von jedem Platz aus nach ganz vorn stoßen.
Na dann! Er hat sich’s nie leicht gemacht, seit er raus ist aus der
Höheren Handelsschule. Das war im aufregenden Jahr 1989. Er arbeitete
dann in Bonn, schließlich im brandenburgischen Blankenfelde. Eine
Stellenanzeige im SPD-Blatt „Vorwärts“ zeigte ihm 2000 die Chance in
Cottbus. „Ich hab’ nirgends zuvor so viele freundliche Menschen wie
hier getroffen“ sagt er heute. Im „Comicaze“ hat er einen
Kneipenrettungs-Verein mitgegründet, für „Melodie & Rhythmus“
schreibt er Rezensionen, treibt sich mit den Jungs auf Sportplätzen rum
und sagt ohne Umschweife: „Ich bin angekommen als Cottbuser.“
29. September 2008 - Wir haben die WAHL
Gemeindevertretungen, Stadtverordnetenversammlungen und Kreistage werden neu gewählt. In diesen Sommertagen entscheiden sich Männer und Frauen, für solche Gremien zu kandidieren. Als Mitglieder von Parteien oder Vereinen, als Einzelkandidaten oder parteilose Bürger auf Listen von Parteien. Was bewegt Menschen, solche Arbeit anzupacken, sich der Herausforderung und Verantwortung zu stellen. Wir erleben einige von ihnen

Die Sport- und Spielplätze bleiben ihre Wochenendorte, jedenfalls solange die Jungs den Bällen nachjagen. Auf einem Kinderspielplatz hatten sich Polina und Gerhard Wenzel in Bonn kennengelernt. Jetzt sind sie durch und durch Cottbuser


Unzumutbare Straßenverhältnisse - seit Jahren Sielower Ärgernis. Gerhard Wenzel, hier im Gespräch mit den Anliegern Swantje und Ralf Ullrich, forscht nach Gründen, warum der Stadtteil fast ohne jegliche Investition bleibt

Erste Ballübungen mit Joschua (6); der kommt am 30. August zu Schule - Astrid-Lindgreen-Grundschule mit Montesouri-Zweig

Dranbleiben! Wichtigstes Trainingsziel fürs Leben beim Fußball. Pawel (2.v.l.), am väterlichen Rotschopf zu erkennen, schießt in diesem Punktspiel der E-Junioren das 3:0
(Fotos: Hnr)
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